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Die Kunst der Diagrammatik

Man spricht in letzter Zeit viel von Diagrammatik. Nicht nur sind Reflexionsprozesse visuell und räumlich strukturiert, Diagramme können etwas sichtbar machen, was vorher auf diese Weise nicht sagbar war. Diagramme sind Formen der Visualisierung und damit Erkenntnisinstrument, kartografisches Ordnungsmuster, Experimentierfeld und ästhetisches Objekt. Als Schaubild ist das Diagramm ein Kräfteverhältnis zwischen Wort und Bild, das Erkenntnis generiert, Wahrnehmung ökonomisiert und das Denken visualisiert. Einige Theoretiker rufen gar einen „Diagrammatic Turn of Mind“ aus und beschwören den Weg von der Grammatologie (J. Derrida) zur Diagrammatologie (W.J.T. Mitchell, S. Krämer). Dieser geisteswissenschaftliche Trend wird begleitet von einem diagrammatischen Imperativ in der Gesellschaft, unter dem nur das wahrgenommen wird, was sich innerhalb einer Ökonomie der Aufmerksamkeit in Relation zu anderem darstellen lässt. Nicht umsonst sind Ranking und Mind Mapping zu omnipräsenten Diagrammfiguren unserer Zeit avanciert.

Maßgebliche Wegbereiter für ein diagrammatisches Denken werden in G. Deleuze, L. Wittgenstein, C.S. Peirce, M. Serres und M. Foucault entdeckt. Was aber ist diagrammatisches Denken, was ein diagrammatologischer Ansatz im Medium des Texts? Zur Debatte steht hierbei nicht zuletzt das Verhältnis von Grafischem und Gedachtem. Im Seminar werden nicht nur bild-, medien- und kunsttheoretische Überlegungen zum Diagramm angestellt. Es sollen unterschiedliche Diagramm-Typen von u.a. Darwin, Foucault und Wittgenstein sowie diagrammatische Kunstwerke konkret angeschaut und besprochen werden. Einen Einblick in den spannenden Entstehungsprozess des Animationsfilms – und damit in dessen diagrammatische Vorstufen – ermöglicht auch die aktuelle Ausstellung PIXAR. 25 Years of Animation im MKG Hamburg.

Anmerkung

Matthias Bauer/ Christoph Ernst: Diagrammatik. Einführung in ein kultur- und medienwissenschaftliches Forschungsfeld. Bielefeld 2010.

Bredekamp, Horst: Darwins Korallen. Frühe Evolutionsmodelle und die Tradition der Naturgeschichte. Berlin 2005.

Horst Bredekamp/ Gabriele Werner/ Birgit Schneider (Hg.): Diagramme und bildtextile Ordnungen. Berlin: Akademie-Verlag 2005. (Bildwelten des Wissens. Kunsthistorisches Jahrbuch für Bildkritik Bd. 3,1)

Deleuze, Gilles: Foucault. Frankfurt/M. 1992.

Christian Driesen/ Rea Köppel/ Benjamin Meyer-Krahmer/ Eike Wittrock (Hg.): Über Kritzeln. Graphismen zwischen Schrift, Bild, Text und Zeichen. Zürich 2012.

Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt/M. 1976.

Gehring, Petra: Paradigma einer Methode. Der Begriff des Diagramms im Strukturdenken von M. Foucault und M. Serres. In: Petra Gehring et al. (Hg.): Diagrammatik und Philosophie. Akten des 1. Interdisziplinären Kolloquiums der Forschungsgruppe Philosophische Diagrammatik. Amsterdam 1992, 89-105.

(http://www.philosophie.tu-darmstadt.de/media/institut_fuer_philosophie/diesunddas/gehring/gehring_diagrammbegriff.pdf)

Goppelsröder, Fabian: Zwischen Sagen und Zeigen. Wittgensteins Weg von der literarischen zur dichtenden Philosophie. Bielefeld 2007.

Leeb, Susanne (Hg.): Materialität der Diagramme. Kunst und Theorie. Berlin 2012.

Mersch, Dieter: Wittgensteins Bilddenken. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie: Vol. 54, No. 6, (2006), S. 925-942.

Rustemeyer, Dirk: Diagramme. Dissonante Resonanzen: Kunstsemiotik als Kulturtheorie. Weilerswist 2009.

Schmidt-Burkhardt, Astrit: Die Kunst der Diagrammatik. Perspektiven eines neuen bildwissenschaftlichen Paradigmas. Bielefeld 2012.

Tröndle, Martin und Warmers, Julia (Hg.): Kunstforschung als ästhetische Wissenschaften. Beiträge zur transdisziplinären Hybridisierung von Wissenschaft und Kunst. Bielefeld 2012.

Eine Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten wird seminarbegleitend angeboten. Zum Scheinerwerb braucht es eine – in den Semesterferien zu erstellende – Hausarbeit (15 Seiten à 2.000 Zeichen) zu einer selbst gewählten Fragestellung. Alternativ kann auch am Ende des Seminars eine Klausur geschrieben werden. Die Texte werden in Auszügen auf EMIL bereitgestellt.

"Poppers Unmut mal anders - Diagrammatik zwischen Sagen und Zeigen"